„Sebastian wird Salafist“ 22.11.2017

22. November 2017
21:45bis22:15

„Sebastian wird Salafist“ am Mittwoch, 22.11.2017, um 21:45 Uhr im Ersten


Wie sich ein junger Deutscher zum Islamisten entwickelt – und wieder zurück

Film von
Ghafoor Zamani

Unmittelbar im Anschluss an den ersten Teil des Fernsehfilms „Brüder“ erzählt diese 30-minütige Dokumentation, wie aus dem durchschnittlichen deutschen Jugendlichen Sebastian (21) ein Islamist wird.

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Seit 2015 begleitet Filmemacher Ghafoor Zamani die Radikalisierung des jungen Mannes, seinen Weg in die deutsche Salafisten-Szene, dann seine Zweifel und am Ende seine Absage an die radikalen Glaubensbrüder.

Dieser Film will zeigen, wie sich ein ganz „normaler“ junger Mann dem Islam verschreibt, was ihn dazu bewegt, sich zu radikalisieren und was ihn im letzten Moment davon abhält, sich salafistischen Kämpfern anzuschließen. Die Doku soll einen ungewöhnlichen Einblick in diese völlig verschlossene Szene bieten, was Sebastian daran anziehend findet und was ihn schließlich abstößt.

Als er mit 16 Jahren zum Islam konvertierte, war Sebastian ein normaler Gymnasiast. Sein Vater Reiner, ein katholischer Theologe und seine Mutter Renate, eine engagierte katholische Sozialarbeiterin, trennten sich zu dieser Zeit gerade voneinander. Der Teenager, der bis dahin Rap hörte und Basketball spielte, verändert sich schnell: Plötzlich mochte er keine Musik mehr, „die ihn nicht zum Beten verleitet“, verzichtete auf Sport mit den alten Freunden und grenzte sich von seinem bisherigen Leben ab. Im Sommer will er nicht mehr ins Freibad gehen, nicht einmal mehr in die Stadt, denn überall sah er dort leicht bekleidete Frauen und aufreizende Werbung. Für ihn war es inzwischen eine Sünde „wenn der Blick zweimal auf dieselbe Stelle fällt“, sagt er. Jetzt änderte sich sein Leben immer schneller.
Sebastian beginnt, die Welt in halal und haram einzuteilen – in erlaubt und verboten. Der junge Mann nennt sich jetzt Hamza – nach dem muslimischen Heerführer, der im Jahr 625 im Kampf gegen die Ungläubigen als Märtyrer starb. Er lässt sich beschneiden, obwohl er große Angst vor dem Eingriff hat.

Nun besucht er Moscheen, in denen auch radikale Imame sprechen. Hamza verliert seine letzten deutschen Freunde und überwirft sich mit seiner Mutter, bei der er noch wohnt. Sie sagt, sie habe „Panik“, dass er in die gewaltbereite Szene abrutschen könnte. Sein Vater ist dagegen froh, dass es endlich wieder eine Ebene gibt, auf der er Zugang zu seinem Sohn finden kann: der Glaube. Hamzas Vater schenkt ihm einen Gebetsteppich und unterhält sich mit ihm über Allah. Zu dieser Zeit spricht Hamza mit seinen Glaubensbrüdern bei einem Treffen im Keller der Moschee schon über den Dschihad.

Hamza bewegt sich mittlerweile im Umfeld von Sven Lau, einem der bekanntesten deutschen Salafisten. Der junge Konvertit sagt nun offen in die Kamera, dass die Scharia „das beste Gesetz für den Menschen“ sei. Er will unbedingt bei der Koran-Verteilungskampagne „Lies!“ mitmachen, die in den Fußgängerzonen aktiv Passanten anspricht. Im Internet spielt er jetzt arabische Ballerspiele, zusammen mit Jugendlichen in Syrien. Am liebsten würde er gerne in einem islamischen Land leben. An Afghanistan oder Syrien würde ihn reizen, dass er sofort eine gute muslimische Frau finden würde. In dieser Situation versuchen ihn IS-Leute für den Kampf gegen die Ungläubigen zu gewinnen.

Sven Lau, der für Hamza ein Vorbild war, gerät als mutmaßlicher Anführer der selbsternannten „Scharia Polizei“ Ende 2015 in Wuppertal in Haft. Der Generalbundesanwalt wirft Lau zudem vor, die islamistische Terrorgruppe Jamwa unterstützt zu haben. Hamza sieht die Festnahme im Fernsehen. Ende 2016 verbietet das Bundesinnenministerium die „Lies!“-Gruppe. Jetzt sagt Hamza, dass er froh ist, dort nicht im innersten Zirkel dabei gewesen zu sein. Die „Lies!“-Leute seien wie eine Sekte, meint er inzwischen nachdenklich.

Das Arabisch-Lernen fällt ihm zunehmend schwerer. Auch das frühe Aufstehen für das Morgen-Gebet schafft Hamza nicht mehr. Eigentlich wollte Hamza ein Studium der Scharia machen. Aber das Institut wird von deutschen Sicherheitsdiensten überwacht. Hamza will keinen Ärger. Außerdem will er nicht nach Feierabend noch in den Scharia-Kurs. Er macht eine Ausbildung zum Erzieher. Seine Mutter hatte ihn dazu gebracht.

In der Kindertagesstätte kommt er bei der Arbeit wieder in Kontakt mit Nicht-Muslimen. In der Moschee nerven ihn strenge, junge Glaubensbrüder, die ihn maßregeln, wenn er beim Gebet nicht exakt die vorgeschriebene Haltung einnimmt. Es beginnt ihn auch zu stören, dass die Salafisten so sehr auf die nicht-gläubigen Deutschen herabblicken. Gleichzeitig nähern sich seine Eltern wieder an. Hamza feiert mit ihnen Weihnachten 2016 unter dem Tannenbaum.

Trotzdem trifft er sich immer noch mit radikalen und militanten Muslimen in der Stadt. Dann passiert etwas Unerwartetes: Maslum, ein muslimischer Glaubensbruder, trifft sich mit Hamza im Ramadan 2017 in einem Park. Es ist Nacht. Der Freund versucht, Hamza davon zu überzeugen, dass der Dschihad richtig ist und dass Muslime gegen die Ungläubigen kämpfen müssen.

Der Film von Ghafoor Zamani ist das Psychogramm eines Menschen, der als neuer Muslim erst fanatisch wird, dann aber ins Grübeln über sein neues Weltbild gerät. Zurückhaltend und beobachtend erzählt er von der großen Anziehungskraft einer strengen Religion, von der Verwandlung eines netten Nachbarjungen in einen Anhänger der Scharia und vom quälenden Zweifel, auf dem richtigen Weg zu sein.

„Sebastian wird Salafist“ am Mittwoch, 22.11.2017, um 21:45 Uhr im Ersten