Alltagsradnetz im Landkreis Lindau nimmt Formen an

14.7.2021 Lindau (Bodensee). In mehreren Kleingruppen diskutierten Vertreter der Kreiskommunen über den Entwurf eines landkreisweiten Alltagsradnetzes. Am Ende stehen zusätzliche Wunschlinien, angepasste Routenführungen und ein zufriedener Radverkehrsbeauftragter im Ergebnisprotokoll. Nun müssen die Strecken im Radnetz priorisiert werden – um anschließend förderfähige Projekte schnell umzusetzen.

„Fahrräder mögen sich ändern, aber Radfahren bleibt zeitlos.“ Mit diesem Zitat eröffnet Philipp Irber, der Radverkehrsbeauftragte des Landkreises Lindau (Bodensee), eine Veranstaltungsreihe, die sich mit der finalen Abstimmung des landkreisweiten Alltagsradnetzes beschäftigte.

Anspielen soll das Zitat auf die Entwicklung des Fahrrads, die auch rund um Bodensee und Westallgäu unübersehbar ist: Knapp 40 % aller in Deutschland verkauften Fahrräder waren 2020 bereits E-Bikes – Tendenz weiter steigend.

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Die Verlagerung hin zu den schnellen Rädern mit integriertem Akku biete enormes Potential für eine nachhaltigere Mobilität im Alltag, weg vom Auto, rauf auf den Fahrradsattel, so Irber. Dafür bedarf es jedoch eines durchgängigen Alltagsradnetzes im gesamten Landkreis.

Aus diesem Grund lud der Radbeauftragte nun zu insgesamt fünf Besprechungsrunden ein, die auf zwei Tage verteilt in Kleingruppen durchgeführt wurden. Dass sich das gesteigerte Interesse für den Radverkehr nicht nur in beträchtlichen Verkaufszahlen von E-Bikes niederschlägt, sondern auch in der Politik einen hohen Stellenwert eingenommen hat, verdeutlicht ein Blick auf die Teilnehmerliste: Nahezu alle Kommunen des Landkreises schickten Vertreter zu den Workshops, vielfach kamen die Bürgermeister selbst.

Zudem begleitete das Planungsbüro topplan die Gespräche. topplan hatte bereits das Radwegekonzept für den Landkreis erstellt, welches in den vergangenen beiden Jahren in den Kreisgremien mehrfach diskutiert und schließlich verabschiedet wurde. Unter anderem beinhaltet das Radwegekonzept einen ersten Entwurf für ein landkreisweites Alltagsradnetz.

Diese Rohfassung basiert auf einer breiten Beteiligung verschiedener Akteure und diente nun als Diskussionsgrundlage für die Gespräche mit den Kommunen. Im Fokus standen dabei Netzlücken und Wunschlinien, die bisher noch kein Teil des regionalen Radnetzes und daher nicht ausgeschildert sind und die, so die Einschätzung topplans, sinnvolle Ergänzungen für ein schnelles und direktes Vorankommen auf dem Fahrrad darstellten.

Das Radwegenetz im Landkreis ist schon gut ausgebaut. Das verdeutlicht ein detaillierter Blick auf den Netzentwurf. Trotzdem gibt es noch Netzlücken und teilweise sind für eine ideale Routenwahl für den Alltagsradlverkehr weitere Radwege sinnvoll.

Stets berücksichtigt werden sollten Leitfragen wie: Sind die wichtigen Verbindungen auf regionaler Ebene im Netz enthalten? Sind wichtige Alltags-Zielpunkte für die Einwohner angebunden? Gibt es große Schwach- und Gefahrenstellen im Basisnetz, die zu umgehen sind? Schnell ermittelt war so zum Beispiel das Fehlen des nördlichen Abschnitts der alten Bahntrasse zwischen Oberhäuser und Weiler im Netzentwurf – obwohl die zum Radweg umgestaltete Trasse den direkten und komfortablen Anschluss an die Bahn ermöglicht.

Im nächsten Schritt werden die für das Alltagsradnetz vorgesehenen Strecken nun mittels unterschiedlicher Kriterien in Hierarchiestufen eingeteilt. Die Priorisierung dient als Grundlage für Entscheidungen, wann und mit welchem Standard Strecken ausgebaut werden sollen – womit man schließlich in der Phase angelangt, die es anzustreben gilt: Die der Umsetzung konkreter Radwegeprojekte.

Als besonders dringlich wurde bereits im ersten Schritt die Verbindungslinie zwischen Dreiheiligen und Steinegaden entlang der St 2001 in Röthenbach eingeschätzt. Auf der stark befahrenen und von vielen LKW genutzten Staatsstraße soll, nach dem Willen der Teilnehmer, die Verkehrssicherheit für Radfahrer durch einen straßenbegleitenden Geh- und Radweg schnellstmöglich verbessert werden. Ebenfalls im Gemeindegebiet Röthenbachs, jedoch als Wunschlinie neu ins Alltagsnetz aufgenommen wurde die LI 12 von Steinegaden in Richtung Landesgrenze.

Im unteren Landkreis wurde beispielsweise der Abschnitt der St 2002 zwischen Ruhlands (Opfenbach) und Niederstaufen als Netzlücke ausgemacht. Die Strecke, die für Fahrradfahrer speziell im Bereich der Ruhlandsmühle durch größere Höhenunterschiede unangenehm im Mischverkehr zu befahren ist, soll perspektivisch mit einem straßenbegleitenden Radweg ausgestattet werden – und damit an jenen Radweg anschließen, der aktuell südlich von Niederstaufen (zwischen Ortseingang und B 308) geplant wird.

Weitere laufende Planungen wurde im Rahmen der Workshops ebenfalls besprochen und die Teilnehmer gegenseitig auf den aktuellsten Stand gebracht. Neben der Strecke bei Niederstaufen trifft dies etwa zu auf Radverbindungen in Oberreute (St 2004 Hinterschweinhöf – Landesgrenze), in Gestratz und Grünenbach (LI 5 zur Anbindung an das interkommunale Gewerbegebiet) oder in Weißensberg (B 12 bei Wildberg).

In den diskutierten Fällen soll zeitnah eine Umsetzung erfolgen, um von hohen Förderquoten von bis zu 80 % zu profitieren, die über das Sonderprogramm „Stadt und Land“ des Bundes zur Radverkehrsförderung bis Ende 2023 fließen.

„Letztlich steht und fällt alles mit dem erfolgreichen Grunderwerb“, sagt Irber. Wenn der nicht klappt, nützt auch das beste Alltagsradnetz wenig. Dennoch hat das Netz seine Daseinsberechtigung, auch als Argumentationsgrundlage für Fördergelder für den Alltagsradverkehr. Die sind häufig nämlich an das Vorhandensein eines schlüssigen Alltagsradnetzes gebunden. Ist dann die entsprechende Strecke Teil eines solchen Netzes, kann mit finanzieller Unterstützung gerechnet werden – je nach Förderprogramm auch beim Grunderwerb.

Am Ende der Workshops zeigt sich der Radverkehrsbeauftragte sichtlich zufrieden. Trotz der, durch die Corona-Pandemie, stark minimierten Teilnehmerzahl seien die Gespräche sehr lebhaft und aufschlussreich verlaufen: „Da kam enorm viel Input, auch vieles, das wir bisher noch nicht auf dem Schirm hatten.“ Hier könnte die kleine Gruppengröße womöglich sogar förderlich gewesen sein; jeder kommt zu Wort und das Arbeiten an der Karte mit dem Netzentwurf funktioniert leichter. Hinzu kommt – und damit schließt Irber – die persönliche Aufgeschlossenheit vieler Bürgermeister zum Thema Alltagsradverkehr: So bewältigte Jörg Agthe, Bürgermeister von Sigmarszell, die rund 7 Kilometer zwischen Rathaus und Veranstaltungsort in Lindau selbst per Velo.